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Ratgeber

Warum wir wieder lernen sollten, im Augenblick zu leben

Sächsische Lotto-GmbH
30.10.2026
9 Minuten
Lachende Frau im Freien mit ausgebreiteten Armen und im Wind wehendem Haar vor hügeliger, regnerischer Landschaft
Foto: Glück im Moment erleben: Wahres Glücklichsein ist laut Glücksforscher Prof. Dr. Emmanuel J. Bauer keine Frage äußerer Umstände, sondern eine innere Haltung – getragen von Dankbarkeit, Stille und gelingenden Beziehungen. / Bildrechte: © Shutterstock / Rawpixel.com

Das Streben nach Glück ist so alt wie die Menschheit selbst. Doch was heißt es, glücklich zu sein – in Zeiten von Krisen, Reizüberflutung und dem Drang nach „immer mehr“? Der Philosoph, Theologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Emmanuel J. Bauer beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit grundlegenden Fragen der Glücksforschung. Im Gespräch erklärt er, welche Rolle materielle Aspekte für unser Glück spielen – und warum uns die Einsichten antiker Philosophen noch heute helfen können.

Herr Professor Bauer, alljährlich wird in Studien wie dem World Happiness Report gemessen, wie zufrieden die Menschen sind. Wenn wir es ganz genau betrachten: Ist Lebenszufriedenheit dasselbe wie Glück?

Das ist in der Tat eine komplexe Frage, bei der man differenzieren muss. Meist wird bei solchen Befragungen die Lebenszufriedenheit erhoben, dabei fließen auch objektive äußere Faktoren wie Umwelt, Bildung oder berufliche Möglichkeiten ein. Die Lebenszufriedenheit ist jedoch stärker kognitiv geprägt als das individuelle Glücksempfinden. Ein Mensch kann eine Art existenzielle Bilanz ziehen und sagen: „Ich bin zufrieden mit meinem Leben“, oder wie ältere Menschen oft antworten: „Ich muss zufrieden sein.“ Das wahre Glück hingegen ist etwas viel Tieferes, Emotionaleres und Persönlicheres.

Wie lässt sich dieses tiefere Glück genauer fassen?

Dazu ist grundlegend zwischen „Glück haben“ und „glücklich sein“ zu unterscheiden. „Glück haben“ meint das, was uns von außen zufällt – sei es Gesundheit, ein Lotteriegewinn oder eine andere glückliche Fügung. Die antiken Griechen nannten dieses von außen gegebene Glück „Eutychia“. Hingegen meint „glücklich sein“ das, was die Antike als „Eudaimonia“ bezeichnete, eine innere Verfassung der Seele. Es geht darum, wie ich als Mensch mit den Realitäten meines Lebens umgehe – mit dem Glück, das mir zufällt, aber auch mit dem Nicht-Glück, mit Krankheit, mit Erfolg oder mit meinen sozialen Verhältnissen.

Das Streben nach einer solchen inneren Verfasstheit beschäftigt uns Menschen offenbar seit Jahrtausenden. Gehört die Suche nach dem Glück zu dem, was uns als Menschen grundsätzlich definiert?

Aus philosophischer und anthropologischer Sicht würde ich mit Aristoteles sagen: Das Streben nach Glück geschieht von Natur aus und gehört zur Natur des Menschen. Wir können das gar nicht abstellen. Der Mensch handelt immer mit Blick auf etwas Gutes, er verfolgt mit seinem Tun stets ein Ziel. Das allerletzte, inklusive Ziel von allem Tun und Erleben ist das Glück, die Eudaimonia. Dies ist das Einzige, das rein um seiner selbst willen angestrebt wird.

Jemand studiert vielleicht, um Arzt zu werden. Er will Arzt werden, weil er sich von diesem Beruf Erfüllung verspricht. Diese persönliche Erfülltheit ist das eigentliche Glück. Auf die moderne Anthropologie übertragen bedeutet das: Die Verwirklichung unseres Personseins ist das letzte Kriterium für echtes Glück.

Ist Glück dann nicht etwas sehr Individuelles, das dem sozialen Miteinander womöglich sogar widerspricht?

Glück wird zwar subjektiv und individuell erlebt, aber es wäre völlig verkehrt, es im Sinne eines Egozentrismus zu verstehen. Der Mensch ist kein isoliertes, sondern von Grund auf ein soziales Wesen. Wir können kein Glück erleben, wenn wir uns vollständig abgrenzen oder egoistisch leben. Dann sind wir Getriebene. Das sehen wir in der heutigen Gesellschaft häufig: Menschen, die extrem egozentrisch leben und andere nur für eigene Zwecke einbinden, sind am Ende einsam, isoliert und unglücklich. Wahres Glück ist ohne eine soziale Dimension und ethische Verantwortung nicht möglich.

Sie sprechen das Getriebensein an, oft verbunden mit der sprichwörtlichen hedonistischen Tretmühle, dem Wunsch nach immer mehr. Viele Menschen suchen ihr Lebensglück vor allem im Materiellen. Bieten Geld und Reichtum echtes Glück oder handelt es sich dabei nur um ein kurzlebiges „Fastfood-Glück“?

Schon Heraklit warnte davor, bei Glück allein auf materiellen Reichtum zu setzen – er meinte sinngemäß, dann müssten auch Ochsen glücklich sein, solange sie ihr Futter haben. Bei näherem Hinsehen spielt Geld aber durchaus eine Rolle. Die Forschung zum sogenannten Easterlin-Paradox zeigt: Wenn Menschen wirklich arm sind und ihr Wohlstand zunimmt, steigt das Glücksempfinden deutlich, weil die Grundversorgung gesichert ist. Geld gibt uns die Möglichkeit, entspannter und ohne Existenzangst zu leben. 

Ein großer Lotteriegewinn macht allerdings nicht per se glücklich. Er löst vielleicht das eine oder andere Problem, doch entscheidend ist, wie man anschließend damit umgeht. In der Forschung ist in diesem Zusammenhang die Rede von „Happy Money“: Nutze ich das Geld für sinnvolle Tätigkeiten, um Gutes zu tun oder um Begegnungen zu ermöglichen, die mir eine tiefere innere Erfüllung schenken? Gelingende Beziehungen sind ein entscheidender Schlüssel zum Glücklichsein.

Nehmen wir an, jemand gewinnt mehrere Millionen Euro, kündigt sofort seinen Job, kauft sich eine Villa am Strand und liegt den ganzen Tag nur noch in der Sonne. Kann das auf Dauer nicht langweilig werden?

Ich würde solche Menschen nicht beneiden. Echtes Glück ist ohne Handeln nicht möglich. Sinnleere entsteht sehr oft dann, wenn Menschen das Gefühl haben: „Ich kann mich nicht einbringen, ich kann nichts Sinnvolles tun.“ Wer einen solchen Gewinn macht, kann vielleicht seinen ungeliebten Job kündigen. Er sollte aber zusehen, dass er das Geld in die eigene Bildung investiert oder eine Tätigkeit ausübt, bei der er sich in die Welt einbringt und seine wahren Fähigkeiten verwirklicht.

Das erfordert allerdings, erst einmal zu erkennen, was man selbst wirklich will. Was hindert uns in der modernen Gesellschaft daran, dieses „Bei-sich-Sein“ zu finden?

Es gibt heute drei große Glücksblockaden: die Angst, die Gier und eine narzisstische Grundtendenz, durch die Menschen oft gar nicht mehr bei sich selbst sind oder sich selbst oder andere Menschen mit Blick auf eine Idealvorstellung von sich selbst instrumentalisieren. Dagegen helfen bestimmte Dispositionen zum Glück, etwa der Mut, sich selbst so zu nehmen, wie man ist, und den eigenen Möglichkeiten gemäß zu leben, statt sich von Leistungsdruck treiben zu lassen.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass es uns schwerfällt, im Hier und Jetzt zu leben. Wenn Menschen erzählen, dass sie am Handy pausenlos von einem kurzen Video zum nächsten springen, zeigt das: Sie können nicht mehr im Augenblick verweilen. Wer in Gedanken schon wieder beim nächsten ist, entwertet den aktuellen Moment. Zudem braucht es eine kontemplative Dimension. Ein gewisses Maß an Stille hilft uns, von der reinen Funktionalität zu unserem Personsein zu finden. Und schließlich gehört unabdingbar Dankbarkeit dazu. Jeder glückliche Mensch wird von sich sagen können, dass er dankbar ist.

Eine Frage zum Abschluss: Was macht Sie persönlich glücklich?

Mich macht es sehr glücklich, auch jetzt an der Schwelle zum Ruhestand noch einen Beruf auszuüben, der mich tief erfüllt und in dem ich anderen Menschen etwas mitgeben kann. Zudem gibt es mir enorm viel Kraft, der kontemplativen Dimension mehr Zeit zu widmen und meine menschlichen Beziehungen sowie meine Beziehung zu Gott bewusst zu leben.

Zur Person

Emmanuel J. Bauer, geboren 1959 im niederösterreichischen Mistelbach, ist ein österreichischer Philosoph, Theologe und emeritierter Professor für Christliche Philosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg. Als Benediktiner (Stift Göttweig), Priester und ausgebildeter Psychotherapeut verbindet er in seiner Arbeit seit Jahrzehnten philosophische und theologische Fundamente mit der praktischen Lebens- und Gefühlswelt der Menschen. Er ist zudem Gründer und wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrganges für Existenzanalyse und Logotherapie in Salzburg und Autor zahlreicher Publikationen, die sich intensiv mit existenziellen Lebensfragen sowie der menschlichen Suche nach Glück, Halt und Sinn auseinandersetzen.


Über den Autor:

Oliver Schönfeld schreibt als Kolumnist für den Glücksblog auf eurojackpot.spiegel.de

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