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Allerlei

Glück ist kein Ziel, sondern ein Kreislauf

Sächsische Lotto-GmbH
15.05.2026
7 Minuten
Zuhörende in einem Workshop zu mentaler Stärke und Lebenszufriedenheit
Foto: Glück ist ein Kreislauf – gemeinsam neue Perspektiven entdecken. / Foto: © Shutterstock / BearFotos

Als selbsternannte Glücksministerin setzt sich Gina Schöler für mehr Lebensqualität und mentale Stärke ein. Zum zehnjährigen Jubiläum ihrer Ideensammlung „Das kleine Glück“ haben wir mit ihr über den Wandel in der Gesellschaft, die Herausforderungen der Digitalisierung und ihre ganz persönliche Glücksformel gesprochen.

Frau Schöler, Sie bekleiden bereits seit 2012 ein Amt, das es offiziell gar nicht gibt. Wie hat sich Ihr Verständnis von „Glück“ in dieser Zeit verändert?

In diesem Jahr werde ich 40. Meine Dreißiger waren massiv geprägt von Veränderungen und dem „Erwachsenwerden“ im weitesten Sinne. Seit sieben Jahren bin ich Mutter, was meine Perspektive nochmals grundlegend gewandelt hat. Ich habe gelernt, dass gerade für Eltern die Inhalte der Positiven Psychologie wie Gefühlskunde oder Achtsamkeit überlebenswichtig sind, um im Hamsterrad zwischen Beruf und Familie zu bestehen. Aufgrund meiner Expertise zum Thema Lebenszufriedenheit geht es mir nicht um flüchtige Hochgefühle, sondern um die Fähigkeit, Prioritäten zu ordnen und resiliente soziale Netzwerke zu pflegen.

Wie würde das „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ aktuell die mentale Gesundheit in Deutschland beschreiben?

Der Zustand ist aus meiner Sicht besorgniserregend. Zwar ist das Bewusstsein für psychische Belastungen postpandemisch gestiegen, doch die politische Reaktion bleibt unzureichend. Dass Mental-Health-Programme an Schulen gestrichen werden, ist eine kurzsichtige Fehlentscheidung. Unser System investiert massiv in die Kuration, vernachlässigt aber die Prävention nahezu vollständig. Dabei ignorieren wir vollkommen die volkswirtschaftliche Dimension. Meine Befürchtung: Wenn wir nicht jetzt investieren, werden wir die Folgen in zehn bis 15 Jahren spüren, wenn eine psychisch instabile Generation in das Berufsleben eintritt.

Sie beobachten eine regelrechte Begegnungsangst bei jungen Menschen. Ist dies eine Folge der Digitalisierung?

Die Digitalisierung fungiert hier als Katalysator. Wir beobachten bei Jugendlichen eine Scheu vor echter, unvorhersehbarer Interaktion. Während die digitale Kommunikation reibungslos funktioniert, löst ein analoger Kontakt oder ein Telefonat oft regelrecht Panik aus.

Was setzen Sie dieser Entwicklung in Ihrer Arbeit entgegen?

In unseren Workshops versuchen wir, durch psychologisch sichere Räume und Formate wie Speeddating die Kontaktfähigkeit wiederzubeleben. Vor allem sollten wir jungen Menschen vermitteln, dass Verletzlichkeit und menschliche Resonanz gewinnbringend sind. Ich sehe mich da auch selbst in einer Vorbildfunktion. Zum Beispiel grüße ich mit meinen Kindern ganz bewusst Menschen im Alltag – egal, ob sie zurückgrüßen oder nicht. Denn Offenheit bringt eine Wärme in den Tag, die kein Smalltalk ersetzen kann.

Zum zehnjährigen Jubiläum legen Sie eine überarbeitete und ergänzte Neuauflage Ihres Buches „Das kleine Glück“ vor. Dabei schildern Sie unter anderem, dass ein gelingendes Leben auch traurige Momente umfasst. Ist das ein Gegenentwurf zur „toxischen Positivität“?

Absolut. Glück ist kein Zustand permanenter Euphorie. Wer das Schöne nur unter einer rosa Brille betrachtet, verleugnet die Komplexität der menschlichen Existenz. Das Buch beinhaltet bewusst Beiträge von Expertinnen und Experten aus der Trauma- und Kindertherapie, die zeigen, dass auch Schmerz und Umwege Teil eines intensiven Lebens sind. Es geht um die Anerkennung dessen, was ist – ohne verfälschende Schönfärberei.

Das Buch soll eine Einladung sein, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Am Ende jeder Geschichte gibt es Anstiftungen: kleine Impulse wie „Probiere mal X oder Y aus“. Das Buffet ist reich gedeckt, und jeder darf sich bedienen. Wichtig ist mir dabei: Glück ist kein Endpunkt, den man krampfhaft suchen muss, sondern ein Kreislauf. Man darf sich auch mal zurücklehnen und die Batterie aufladen, wenn es gut läuft.

Sie haben eine Formel entwickelt, die Akzeptanz und Aktionismus verbindet. Was hat es damit auf sich?

Die Formel lautet: Akzeptanz plus konstruktiver Aktionismus. Akzeptanz bedeutet, Gefühle wie Angst oder Trauer anzunehmen, ohne sie zu verurteilen oder wegzudrücken. Darauf folgt der Aktionismus im eigenen Mikrokosmos. Man muss nicht gleich die Welt retten. Wenn wir in unserem unmittelbaren Umfeld wirksam werden, sei es durch kleine soziale Gesten oder lokales Engagement, überwinden wir die lähmende Ohnmacht. Selbstwirksamkeit ist das wirksamste Gegenmittel gegen Zukunftsangst.

Ein zentraler Aspekt Ihrer Arbeit ist die Identifikation von Werten und Stärken. Warum fällt es uns offenkundig so schwer, eigene Stärken wahrzunehmen?

Wir leben in einer Kultur, die Defizite stärker gewichtet als Potenziale. Um Selbstwirksamkeit zu erfahren, müssen wir jedoch unsere Werte definieren und unsere Stärken kennen. Oft hilft hier der Blick von außen: Die Rückmeldung von Vertrauenspersonen kann offenbaren, was man selbst als selbstverständlich abtut. Wenn individuelles Handeln mit persönlichen Werten korreliert, entsteht eine authentische Form der Sinnerfüllung.

Welchen Einfluss hat künstliche Intelligenz auf unser Streben nach Glück?

Die KI-Thematik verschärft paradoxerweise den Drang zur Perfektion. Wir neigen dazu, uns mit digitalen Idealen zu vergleichen, was zu weiterer Einsamkeit und einem Verlust an Echtheit führt. Dabei sind Intuition und Kreativität genuine menschliche Merkmale, die keine KI imitieren kann. Für die Arbeitswelt der Zukunft, in der 65 Prozent der heutigen Grundschüler in Berufsbildern arbeiten werden, die es heute noch gar nicht gibt, sind mentale Stärke und kreative Ressourcennutzung die eigentlichen Kernkompetenzen für eine gelingende und glückliche Zukunft.

Zum Schluss noch ein Ausblick: Was sind die nächsten Ziele für das Glücksministerium?

Wir möchten den Bildungssektor noch breiter erschließen. Während unsere Schulworkshops bereits eine enorme Nachfrage verzeichnen, strecken wir nun die Fühler in Richtung Kita-Bereich aus. Zudem haben wir ein neues Format für Toleranz und Teamgefühl entwickelt, um das gemeinschaftliche Glück wieder stärker in den Fokus zu rücken. Es geht darum, Multiplikatoren auszubilden, die diese Haltung in die Gesellschaft tragen.

Über den Autor:

Oliver Schönfeld schreibt als Kolumnist für den Glücksblog auf eurojackpot.spiegel.de

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