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Unterwegs

Sarah aus Leipzig: Vom Rennrad zur eigenen Community

Robert Strehler
31.08.2026
9 Minuten
Sarah auf dem Rennrad im Interview mit WE RIDE
Foto: Sarah im Interview mit WE RIDE / Copyright WE RIDE GMBH

WE RIDE Leipzig hat Sarah in Leipzig getroffen. Die 35-jährige Fotografin fährt erst seit wenigen Monaten richtig Rennrad – und trotzdem ist das Fahrrad längst zu einem wichtigen Teil ihres Lebens geworden. Nach einem schweren persönlichen Verlust half ihr zunächst ein Gravelbike dabei, wieder nach vorn zu schauen.

Heute fährt sie ein Cube Attain C:62 SLT, baut ihre eigene Leipziger Rennrad-Community auf und möchte zeigen, dass gemeinsames Radfahren nichts mit Marken, Material oder Durchschnittsgeschwindigkeit zu tun haben muss.

Das Fahrrad war schon immer irgendwie da

Ich bin eigentlich schon immer gern Fahrrad gefahren. Früher allerdings ziemlich klassisch mit dem Trekkingrad. Rennradfahren hatte ich zwar immer mal wieder im Kopf, aber es war lange nichts, was ich wirklich verfolgt habe.Den entscheidenden Anstoß hat mir jemand gegeben, der selbst leidenschaftlich Rennrad gefahren ist und mir unglaublich viel bedeutet hat. Wir haben oft über das Fahrradfahren gesprochen. Als ich diese Person verloren habe, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Mir ging es mental sehr schlecht und lange wusste ich nicht so richtig, wie ich damit umgehen sollte.Irgendwann erinnerte ich mich wieder an unsere Gespräche. Also kaufte ich mir ein Gravelbike. Eigentlich war das zunächst nur der Versuch, wieder irgendwie in Bewegung zu kommen, rauszugehen und etwas zu haben, worauf ich mich konzentrieren konnte. Daraus wurde viel mehr.

Das Fahrrad als Weg zurück

Ich bin ziemlich schnell komplett in diese Fahrradwelt eingetaucht. Plötzlich wollte ich fahren, Strecken entdecken, mich mit Rädern beschäftigen und einfach unterwegs sein. 

Heute würde ich sagen: Das Fahrrad hat mich ein Stück weit geheilt. 

Natürlich verschwindet ein Verlust dadurch nicht. Aber das Fahrrad hat mir geholfen, mit ihm umzugehen. Wenn ich heute fahre, fühlt es sich manchmal so an, als würde ein Teil dieser Person noch mitfahren. Diese Verbindung ist geblieben und wahrscheinlich ist genau deshalb das Fahrrad für mich inzwischen viel mehr als nur Sport. Mit der Zeit habe ich allerdings gemerkt, dass mich Schotter gar nicht so sehr interessiert. Ich war mit meinem Gravelbike ohnehin fast ausschließlich auf Asphalt unterwegs. Irgendwann war deshalb klar: Jetzt brauche ich ein richtiges Rennrad. Und damit begann noch einmal eine ganz neue Geschichte.

Bin ich überhaupt gut genug?

Am Anfang bin ich viel mit Freundinnen und Freunden gefahren und habe mich auch nach Group Rides umgesehen. Gleichzeitig hatte ich ständig das Gefühl, vielleicht noch nicht gut genug dafür zu sein. Überall liest man von Durchschnittsgeschwindigkeiten um die 30 km/h. Auf Social Media wirken alle unglaublich schnell, perfekt ausgestattet und scheinbar völlig mühelos. Dazu kommen teure Räder, perfekt abgestimmte Outfits und dieses Gefühl, dass man erst eine bestimmte Leistung bringen muss, bevor man wirklich dazugehört. Ich habe leider auch Gruppen erlebt, in denen plötzlich wichtig war, welche Marke das Trikot hat oder wie teuer das Fahrrad ist. Das finde ich schwierig. Nicht jeder kann oder möchte mehrere Hundert Euro für Fahrradbekleidung ausgeben oder ein Rad für einen fünfstelligen Betrag fahren. Trotzdem hatte ich teilweise das Gefühl, dass genau das erwartet wird. Für mich hat Radfahren damit eigentlich überhaupt nichts zu tun.

Wenn aus einer Ausfahrt etwas Unangenehmes wird

Noch schwieriger waren einige Erfahrungen mit Männern. Nachdem ich einmal über Social Media gefragt hatte, wer gemeinsam Gravel fahren möchte, gab es Situationen, die deutlich über persönliche Grenzen hinausgingen. Auch bei Freundinnen habe ich erlebt, dass nach gemeinsamen Ausfahrten plötzlich unangenehme Nachrichten kamen. Das hat mich beschäftigt. Eigentlich möchte man einfach gemeinsam Fahrrad fahren, neue Menschen kennenlernen und eine gute Zeit haben. Stattdessen entsteht gerade für Frauen manchmal die Frage: Kann ich hier wirklich entspannt mitfahren? Wird meine Geschwindigkeit kommentiert? Wird mir ungefragt erklärt, was ich anders machen sollte? Oder entsteht danach eine Situation, mit der ich mich unwohl fühle? Irgendwann habe ich deshalb entschieden:

Wenn ich die Gruppe, in der ich mich wohlfühle, nicht finde, dann gründe ich sie eben selbst.

Dann mache ich eben meine eigene Gruppe

Also habe ich bei Social Media einfach gefragt, wer Lust hätte, gemeinsam Rennrad zu fahren. Ehrlich gesagt hatte ich ziemlich große Angst davor, dass sich vielleicht drei Leute melden. Oder niemand. Das Gegenteil ist passiert. Der Beitrag wurde viel größer, als ich erwartet hatte und plötzlich wollten unglaublich viele Menschen mitfahren. Inzwischen sind wir fast fünfzig Leute. Mir war von Anfang an wichtig, dass daraus kein klassischer Group Ride wird, bei dem eine bestimmte Pace gefahren werden muss und am Ende wieder nur Leistung und Material im Vordergrund stehen. Ob Rennrad oder Gravelbike, Klickpedale oder Flatpedals – völlig egal. Es geht darum, gemeinsam Fahrrad zu fahren.

Eine Community ohne Leistungsdruck

Ich möchte, dass Menschen zu uns kommen können, ohne sich vorher zu fragen, ob sie schnell genug sind oder das richtige Fahrrad besitzen. Natürlich tauschen wir uns über Räder, Training oder Technik aus. Aber niemand soll das Gefühl bekommen, sich rechtfertigen zu müssen, weil er noch keine Klickpedale fährt oder vielleicht gerade erst mit dem Rennradfahren angefangen hat. Besonders schön finde ich, dass inzwischen viele junge Frauen dabei sind. Trotzdem wollte ich ganz bewusst keine reine FLINTA-Gruppe gründen. Männer sind ausdrücklich willkommen. Mir ist allerdings wichtig, dass sie zu der Atmosphäre passen, die wir schaffen wollen. Deshalb lerne ich viele vorher persönlich kennen. 

Ich möchte einen Ort schaffen, an dem sich alle sicher fühlen. Einen Ort, an dem Wissen geteilt wird, ohne dass daraus Mansplaining entsteht. An dem niemand jemanden kleinredet und niemand beweisen muss, wie schnell oder erfahren er ist. 

Unsere erste gemeinsame Ausfahrt hat genau das bestätigt. Es ging um gute Gespräche, gemeinsames Radfahren und eine entspannte Atmosphäre. Genau so hatte ich mir das vorgestellt.

Und irgendwann die Neuseen Classics

Natürlich habe ich trotzdem auch sportliche Ziele. Ich möchte irgendwann bei den Neuseen Classics starten. Aber nicht sofort. Ich fahre erst seit wenigen Monaten richtig Rennrad und möchte mir die Zeit geben, stärker zu werden und Erfahrungen zu sammeln. Ich will dort nicht einfach nur irgendwie am Start stehen, sondern mich gut vorbereitet fühlen und schauen, was nach einem weiteren Jahr auf dem Rennrad möglich ist. Das Schöne ist: Ich muss dabei niemandem etwas beweisen. Das Fahrrad hat für mich an einer völlig anderen Stelle angefangen. Es war zunächst einfach eine Möglichkeit, wieder herauszukommen und nach einer sehr schwierigen Zeit etwas Neues zu finden. Heute sind daraus Freundschaften, eine Community und neue Ziele entstanden. Manchmal beginnt etwas Großes eben ganz klein – mit einer Nachricht, einer gemeinsamen Runde oder einfach mit der Entscheidung, Menschen zusammenzubringen, die dieselbe Leidenschaft teilen. Und vielleicht ist genau das inzwischen das Schönste am Rennradfahren.

Wer Sarah und ihre Leipziger Community kennenlernen oder bei einer der nächsten Ausfahrten dabei sein möchte, findet sie auf Instagram unter @sarahbokeh

Robert Strehler

Robert Strehler

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