Seite wird geladen ...
powered by publizer®
Ratgeber

Beim Glück verrechnet: Die tückische Macht der Gewöhnung

Sächsische Lotto-GmbH
25.09.2026
11 Minuten
Paar entspannt auf dem Boden mit Werkzeugen – Symbol für gemeinsame Momente und Zufriedenheit
Foto: Dr. Reto Odermatt erklärt, warum kleine Freuden oft mehr Zufriedenheit bringen als große Träume. / Foto: © Shutterstock / Rawpixel.com

Was macht uns wie lange glücklich? Wir Menschen sind erstaunlich untalentiert darin, diese Frage richtig zu beantworten. Der Basler Ökonom und Glücksforscher Dr. Reto Odermatt weiß, woran das liegt: Der Effekt der Gewöhnung führt uns häufig in die Irre. Im Interview erklärt er, warum wir uns seltener auf den einen großen Lebenstraum und stattdessen viel mehr auf alltägliche Freuden konzentrieren sollten.

Herr Odermatt, wie blickt ein Ökonom auf das Thema Glück?

Grundsätzlich gehen Ökonomen davon aus, dass wir Menschen Glücksmaximierer sind. Die Idee dahinter: Ressourcen wie Zeit und Geld sind bei den meisten von uns begrenzt. Also stehen wir vor einem Maximierungsproblem und fragen uns: Wie ziehen wir das größtmögliche Glück aus den beschränkten Ressourcen? Wie sollten wir unser Leben strukturieren, um möglichst langfristig zufrieden zu sein – und welche Denkfehler sollten wir eher vermeiden?

Was sind denn typische Fehler, die vielen auf der Suche nach dem Glück unterlaufen?

Menschen tendieren dazu, die Dynamik des Lebens und des Glücks zu unterschätzen. Wir sind sehr anpassungsfähige Wesen, sowohl was positive als auch negative Ereignisse angeht. Ein Beispiel ist der Hauskauf: Er macht uns zwar für eine gewisse Zeit glücklich, allerdings gewöhnen wir uns auch sehr schnell an das Eigentum – viel schneller, als die meisten glauben würden. Die Forschung zeigt, dass wir die Dauer des Glücks bei der Erreichung gewisser Lebensträume deutlich überschätzen.

Über welchen Zeitraum sprechen wir da? Wie schnell geht das Glückshoch wieder verloren?

Für eine Studie haben wir Daten von über 30.000 Menschen in Deutschland genutzt, von denen einige Immobilienbesitz erworben haben. Wir betrachteten einen Zeitraum von vier Jahren vor dem Hauskauf bis zu fünf Jahre nach dem Einzug. Wenn man jene, die kurz vor dem Umzug stehen, fragt, wie zufrieden sie in fünf Jahren sein werden, geben sie sehr hohe Werte an. Sie prognostizieren die gleiche bis leicht höhere Lebenszufriedenheit. Fragt man dieselben Menschen aber fünf Jahre später, sind zwei Drittel dieses Glückszuwachses durch Gewöhnungseffekte wieder verschwunden. Verglichen mit ihrer eigenen Prognose waren die Leute viel zu optimistisch und haben ihr zukünftiges Glück deutlich überschätzt.

Würden Sie daraus schlussfolgern, dass wir uns nun alle fünf Jahre ein noch schöneres und größeres Haus kaufen sollten?

Besser nicht (lacht), denn dies beschreibt exakt, was wir in der Wissenschaft als hedonische Tretmühle bezeichnen: Permanent rennen wir dem Glück einen Schritt hinterher. Das bedeutet nicht, dass wir uns kein Haus kaufen sollten. Der Punkt ist, dass wir bei der Bewertung dieser Investition bedenken sollten, dass es Gewöhnungseffekte gibt.

Die hedonische Tretmühle lässt sich auch auf andere Investitionen übertragen. Zum Beispiel auf luxuriöse Uhren: Wer die erste hat, will bald eine zweite oder eine noch seltenere. Ist die Jagd nach materiellen Zielen generell ein Irrweg?

Hier kommt das Kaufmotiv ins Spiel, das einen entscheidenden Unterschied macht. Die Frage ist: Tätige ich den Kauf aus einem extrinsischen Motiv, bei dem es um Status, beruflichen Erfolg und Anerkennung geht? Oder bin ich eher intrinsisch orientiert und fokussiere mich auf wertvolle Beziehungen, Partnerschaften und sinnvolle Erlebnisse? Unsere Studien zeigen, dass diese Überschätzung der zukünftigen Zufriedenheit vor allem durch jene getrieben wird, die extrinsisch orientiert sind.

Es macht also einen Unterschied, mit welcher Motivation ich mir etwas gönne?

Genau. Eine teure Uhr kann intrinsisch konsumiert werden, aus einer inneren Freude an schönem Design. Sie kann aber auch extrinsisch als Statussymbol genutzt werden, um die relative Position in der Gesellschaft zu signalisieren. Dabei besteht die Gefahr, dass man sich von der äußeren Vergleichsgruppe abhängig macht. Das ist beim Hauskauf ähnlich: Wenn Sie in ein neues Quartier ziehen, wo alle in Häusern leben, bewegt sich der Referenzpunkt mit. Plötzlich geht es darum: Wer hat das größere Haus? Man ist in einem Statusrennen gefangen, das keine Ziellinie hat, weil sich das Ziel ständig mitbewegt. Studien zeigen, dass die Zufriedenheit mit dem eigenen Haus sinkt, sobald in der direkten Nachbarschaft ein größeres Haus gebaut wird – obwohl sich am eigenen Zuhause dadurch nichts verändert hat. Der Vergleich nach oben ist ein sehr schlechtes Glücksrezept, das stark mit Unzufriedenheit korreliert.

Wenn ein „immer mehr“ uns kaum glücklich macht – was würden Sie stattdessen vorschlagen?

Viele Menschen tappen in eine „Wenn-dann-Falle“: Der Glaube, dass wir dauerhaft zufrieden sind, sobald wir einen bestimmten großen Traum erreicht haben, ist sehr trügerisch. Sinnvoller erscheint es mir, sich von alltäglichen, kleineren Dingen motivieren zu lassen – sich einen schönen Abend zu machen oder den Sport an einen schönen Ort ins Grüne zu verlegen. Statt einem großen „Big Bang“ hinterherzujagen, in den wir all unsere Ressourcen stecken, sollten wir lieber in viele kleine, sich wiederholende Erlebnisse für uns und für andere investieren.

Wenn wir auf negative Erfahrungen blicken: Unterschätzen wir auch unsere Anpassungsfähigkeit an harte Schicksalsschläge?

Das ist eine spannende Frage, und ja, tatsächlich unterschätzen die meisten ihre Resilienz bei negativen Erlebnissen. Nach dem Verlust eines Partners beispielsweise denken wir im Jahr der Verwitwung, dass es uns in fünf Jahren immer noch sehr schlecht gehen wird. Tatsächlich zeigt sich jedoch, dass wir im Schnitt innerhalb von drei bis fünf Jahren wieder auf unser altes Zufriedenheitsniveau zurückkehren können. Die Anpassungsfähigkeit ist viel größer und stärker, als die Menschen denken.

Gibt es Lebensereignisse oder Umstände, an die wir uns gar nicht gewöhnen können?

Ja, diese gibt es in der Tat. Ein Beispiel dafür ist Langzeitarbeitslosigkeit. Diese hat stark negative Effekte auf die Lebenszufriedenheit, und das über viele Jahre. Ein anderes Beispiel ist Armut. Geldknappheit ist ein täglicher Kampf, der jeden Tag aufs Neue präsent ist. Bei einem Trauerfall werden hingegen die Abschnitte im Alltag, in denen wir nicht aktiv daran denken, über die Zeit größer und der Fokus verschiebt sich.

Wie verhält es sich umgekehrt mit Reichtum? Macht uns immer mehr Geld auch immer glücklicher?

Beim Reichtum gibt es den Effekt des sogenannten abnehmenden Grenznutzens. Anders gesagt: Zu Beginn wirken sich etwa Einkommenszuwächse noch viel positiver aus als später. Die erste Lohnerhöhung ist die schönste. Doch der Zusatznutzen nimmt danach stetig ab. Die Schwelle, ab der zusätzliches Einkommen praktisch keinen Glückszuwachs mehr bringt, ist allerdings recht hoch und liegt, je nach Land, zwischen 150.000 und 200.000 Euro Jahreseinkommen.

Wird Geld demnach eher überschätzt?

Geld hat einen positiven Einfluss, aber eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss, dass wir den Effekt von Einkommen auf unser Glück um das Fünffache überschätzen. Wir denken also, es macht uns fünfmal zufriedener, als es das effektiv tut. Ein weiterer Denkfehler ist, dass wir gleichzeitig das Positive von sozialen Interaktionen unterschätzen. Ein Experiment hat gezeigt: Wenn Menschen 20 Euro bekommen und den Auftrag erhalten, das Geld für jemand anderen auszugeben, macht sie das am Ende glücklicher, als wenn sie es für sich selbst ausgeben würden. An soziale Erlebnisse oder Freundschaften gewöhnen wir uns nicht, sie werden tendenziell sogar noch besser und tiefer, je mehr wir investieren.

Was könnte ein Millionengewinn in einer Lotterie wie dem Eurojackpot für unser Glück bewirken?

Eine neuere Studie aus Schweden hat das Glück von Lotteriegewinnern in Millionenhöhe über fünf bis zehn Jahre hinweg analysiert. Das Ergebnis: Die finanzielle Zufriedenheit und die allgemeine Lebenszufriedenheit waren tatsächlich dauerhaft und signifikant höher. Allerdings zeigte sich auch, dass ein Lotteriegewinn die tägliche Freude im Alltag nicht so langanhaltend steigert. Man gewinnt langfristig also nicht unbedingt mehr tägliches Glück – aber mehr finanzielle Sicherheit, durch die man das eigene Leben insgesamt besser bewertet.

Zum Schluss: Was macht Sie persönlich glücklich?

Auch um das herauszufinden, bin ich Glücksforscher geworden. (lacht) Für mich bedeutet Glück das Gefühl von Verbundenheit – mit meinen Liebsten, meiner Partnerin, meinen Kindern, Freunden und der Nachbarschaft. Ebenso habe ich große Freude daran, emotional berührt zu werden. Wenn mein Interesse durch eine Frage oder eine Geschichte geweckt wird, finde ich das großartig. Innerlich auf diese Weise bewegt zu sein, das macht für mich ein Stück weit die Qualität des Menschseins aus.

Zur Person

Dr. Reto Odermatt ist Ökonom, Glücksforscher und Dozent am Center for Research in Economics and Well-Being (CREW) der Universität Basel. In seiner Forschung nutzt er Daten zum subjektiven Wohlbefinden, um Fragen aus Verhaltensökonomie, Gesundheit und Public Policy zu untersuchen. Nach seiner Promotion forschte er an der London School of Economics und an der University of Chicago. Reto Odermatt ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Basel.


Über den Autor:

Oliver Schönfeld schreibt als Kolumnist für den Glücksblog auf eurojackpot.spiegel.de

Sächsische Lotto-GmbH

Sächsische Lotto-GmbH

Praktische Tipps und hilfreiche Infos für den Alltag – von Gesundheit und Ernährung bis hin zu Themen rund ums Wohlfühlen.

Wir haben noch mehr für Sie

Rätseln & Service / Ratgeber

Kürbis kulinarisch: Viel mehr als nur Suppe

Kürbis kulinarisch: Rezepte für Hokkaido, Spaghettikürbis & Co. – herzhaft, süß und perfekt für den Herbst!
Rätseln & Service / Ratgeber

Buch-Tipp: „Das Hautmikrobiom"

Erfahren Sie, wie das Hautmikrobiom Ihre Hautgesundheit beeinflusst. Praktische Tipps zu Ernährung, Pflege und Darm-Haut-Achse im Buch von Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann
Rätseln & Service / Ratgeber

TV-Tipp: „Schmitzfindigkeiten" - Ralf Schmitz live! am 26. September bei RTL

Ralf Schmitz live mit ‚Schmitzfindigkeiten‘ am 26.09., 20:15 Uhr auf RTL – Comedy in Bestform! Alltagswahnsinn pur.

Ihre Daten sind uns wichtig, und wir würden gerne Cookies verwenden, um Ihren Besuch auf unserer Seite verbessern zu können.