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Unterwegs

Die wundervolle Entdeckung der Langsamkeit - Auf dem Canal du Midi in Südfrankreich ist alles im Fluss

Sächsische Lotto-GmbH
10.10.2026
7 Minuten
Radfahrer auf dem schattigen Radweg am Ufer des Canal du Midi, im Vordergrund blühende rote Mohnblumen, auf dem Kanal fahren Ausflugsschiffe vorbei.
Foto: Der Canal du Midi wird stets von einem Bilderbuchradweg begleitet, der jederzeit zur Tour einlädt. Zwei Ankernägel eingeschlagen und schon kann es, wie hier bei Beziers, losgehen. / Foto: Norbert Eisele-Hein

Der Canal du Midi gilt als technisches Wunderwerk des 17. Jahrhunderts. Vor 30 Jahren wurde er zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Wer sich auf die Reise übers Wasser ins Südfrankreich begibt, kann inmitten der pittoresken Landschaft wunderbar abschalten und bei zahlreichen Stopps die Umgebung mit dem Fahrrad erkunden.

Pierre-Paul Riquet war ein genialer Ingenieur und besessen von einer außergewöhnlichen Idee. Einem Vorhaben, das an Größe und revolutionärem Gedankengut durchaus mit dem Bau des Eiffelturms oder der Schlossanlage Versailles gleichzusetzen ist. Sein Canal du Midi, der von Toulouse mit nur 240 Kilometern direkt ins Mittelmeer führt, machte die 3.000 Kilometer lange, gefährliche Seepassage vom Atlantik über Gibraltar obsolet. Diese war äußerst gefährlich, denn dort trieben im 17. Jahrhundert blutrünstige Piraten ihr Unwesen. Eine Vielzahl von Schiffen und deren wertvolle Fracht fielen obendrein dem Wetter und Riffen zum Opfer. Trotz aller Unkenrufe, die so ein Mammutprojekt naturgemäß begleiten, war der Canal du Midi wirtschaftlich ein voller Erfolg, bis die Erfindung der Eisenbahn die Bedeutung der Kanalschifffahrt zurückdrängte.

Heute fungieren die tief liegenden Kohlen- und Kornkähne von einst als Ausflugsschiffe, alternatives Wohnkonzept für Aussteigerinnen und Aussteiger oder als schwimmende Restaurants. Die beim Kanalbau entstandenen Treidelpfade wurden im Laufe der Jahrhunderte immer schöner. Die damals frisch gepflanzten Pappeln und Platanen sind inzwischen stattliche Baumriesen. Diese immerzu schattigen Alleen zählen zu den schönsten Radwegen Europas. Bei einer Kombitour mit dem Boot bietet sich das intensivste Erlebnisspektrum. Darum lautet das tägliche Motto bei dieser Reise auf dem Canal du Midi: alle von Bord für eine ausgedehnte Radtour. Direkt am Kanal sieht die Landschaft Südfrankreichs aus wie einem Werbeprospekt entsprungen.

Am Tunnel de Malpas wird es kurz finster und der Kapitän muss aufpassen, dass das Boot nicht aneckt. / Foto: Norbert Eisele-Hein

„Für einen Kreuzzug sind unsere Yachten der Klasse ,Crusader‘ denkbar ungeeignet. Die Motoren sind schwer gedrosselt. Und auf dem Kanal gilt ein Tempolimit von acht Kilometern pro Stunde. Aber für eine beschauliche Kreuzfahrt bietet euer neues schwimmendes Zuhause beste Voraussetzungen: alle Kabinen sind mit einer Dusche und Toilette ausgestattet, es gibt eine Küche und ein mondänes Sonnendeck,“ erklärt Philippe vom Verleiher Le Boat France bei der Einweisung in Port Cassafières. „Eure Räder sind schon an Deck.“

Entlang des Canal du Midi offenbaren sich immer wieder schöne Ausblicke, wie hier mit weidenden Pferden. / Foto: Norbert Eisele-Hein

Trotz der minimalen Geschwindigkeit dauert es ein Weilchen, bis die neuen Leichtmatrosinnen und Leichtmatrosen das Traumschiff im Griff haben. Den Blick auf die Karte kann man sich sparen. Es geht einfach immer am Wasser lang. Parallel dazu verläuft der Radweg. In Béziers, der Geburtsstadt von Pierre-Paul Riquet, überquert der Canal du Midi den breiten Fluss Orb. Ein künstlicher Fluss über dem natürlichen Strom – meisterlich erdacht, aber enorm teuer. Kein Wunder, dass die Finanzierung des Baus seinerzeit hitzige Diskussionen entfachte. Pierre-Paul Riquet schaffte es zwar, den damaligen König Ludwig XIV. und dessen hart kalkulierenden Finanzminister Jean-Baptiste Colbert vom größten und gewagtesten Bauvorhaben des Grand Siècle zu überzeugen. Doch Ludwig XIV. hatte mit dem Bau von Versailles ein weiteres Fass ohne Boden aufgemacht. Als die Mittel dann spärlicher flossen, zögerte Pierre-Paul Riquet nicht, sein komplettes Privatvermögen und auch das umfängliche Erbe seiner Gemahlin in das Projekt zu stecken. Hoch verschuldet und, wie es heißt, am gebrochenen Herzen, weil ihn viele Weggefährten letztlich im Stich ließen, starb Pierre-Paul Riquet nur wenige Monate vor Fertigstellung des Kanals im Jahre 1680.

Kleine Cafés am Straßenrand laden zu einer kurzen Pause ein./ Foto: Norbert Eisele-Hein

Beeindruckende Landschaft

Heute gleicht die Flusstour einer einzigartigen Form der Meditation. Die Pappeln rauschen leicht im Wind. Zwischen diesen gigantischen Zeitzeugen leuchten Kornfelder. Ausgedehnte Weinberge des Languedoc falten sich auf. Dazwischen lugen immer wieder uralte Kirchtürme hervor. Anker setzen heißt hier einfach zwei riesige Erdnägel in die Böschung zu klopfen, das Boot daran zu vertäuen und jederzeit zu einer Radtour aufbrechen zu können. Egal, ob hinter dem riesigen Steuerrad oder am Fahrradlenker – die Tour gleicht einer langsamen Fahrt durch ein überdimensional großes, impressionistisches Gemälde.

Die 63 Schleusen, die es auf dem Weg ins Landesinnere zu bewältigen gilt, wurden bis Ende 2005 alle automatisiert. Somit fällt das kraftraubende Kurbeln an den Wehren weg. Und auch das Bild des Schleusenwärters mit dem mächtigen Oberarm gehört der Vergangenheit an. Heute werden die Wehre per Fernbedienung bedient. Doch ansonsten scheint am Canal du Midi noch alles wie gegen Ende des 17. Jahrhunderts.


Die riesige Burganlage von Carcassone wird von malerischen Weinbergen umgeben. / Fotos: Norbert Eisele-Hein

Wer genug Zeit hat, sollte für die Stadt Carcassonne unbedingt einen Extra-Tag einplanen. Europas größte und besterhaltene Ritterburg, die Hauptattraktion der Region Languedoc, liegt auf einem steilen Hügel. Der Ausblick über die Weinberge auf die mit zwei gigantischen, zinnengekrönten Wällen und 52 Wehrtürmen ausgestattete Festungsanlage ist jede Mühe wert. Zurück auf dem Canal du Midi wird das Leben sofort wieder zu einem langen, ruhigen Fluss bis die Reise in Castelnaudary endgültig endet.

Norbert Eisele-Hein ließ sich auf dem Canal du Midi treiben

Die beste Reisezeit, um den Canal du Midi zu erkunden, ist zwischen April und Oktober. Boote mit Karten, Kapitänshandbuch etc. gibt es zum Beispiel beim Verleiher Le Boat France (leboat.com), der diese Reise unterstützt hat. Für die Boote benötigt man keinen Bootsführerschein oder sonstige Vorkenntnisse. Es gibt eine ausführliche Einweisung. Allgemeine Informationen zur Region gibt es unter visit-occitanie.com/de.

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